Der Postplatz

Es war wohl im Herbst des Jahres 2004. Ich stehe im Zentrum meiner Heimatstadt Dresden. Ich habe den Postplatz vor Augen mit seinem Gewirr an Schienen und Oberleitungen, mit der Käseglocke und den Menschen, die auf ihre Straßenbahn warten. Ich erinnere mich an Kindertage, da stand hier noch ein anderes Gebäude, ein Restaurant befand sich darin. Ich meine, es hieß "Gambrinus" – ein Selbstbedienungsrestaurant. Fertige Schnittchen mit "Garnitur" gab es hier, das Stück 50 Pfennig, unter der Wurstscheibe Margarine, die meine Mutter nicht vertrug. Aber ich darf mir zwei aussuchen und tue es auch. Ich stehe also da, sehe den Platz und denke: Der kann so nicht bleiben. Wie könnte der Postplatz werden? Gedanken und Bilder laufen, und plötzlich schießt es mir in den Kopf: Eine Kanne!

Eine Idee ist geboren. Aber wie soll das gehen? Man müsste den Postplatz völlig umgestalten. Das gesamte Leitungsgewirr müsste verschwinden. Ich weiß nicht, dass eben dies geplant ist. Und die Idee geht nicht mehr aus mir raus.


Die Idee

Was gehört zu einer Kanne, Kaffeekanne, wie sie dem Sachsen, dem Dresdner ganz nah ist? Es gehören Tassen dazu, mindestens zwei. Denn man will ja nicht allein trinken. Kuchen auch, vielleicht eine Torte, eine riesige, rote, angeschnittene, zweietagige Fruchttorte als Tanzpalast? Oder wenigstens eine Kuchenplatte? Eine Zuckerdose ist schon da – dazu muss die "Käseglocke" jetzt herhalten.

Die Ideen laufen. Etwas Freundliches, Verrücktes, Heiteres soll es sein. Und einladend soll es sein, so wie wir sind, in dieser Stadt. Unsere Gäste sollen sich eingeladen fühlen, und wir selbst wollen uns auch wohlfühlen. Hier – im Herzen unserer Stadt. Aus der Idee wird ein Projekt: "der postplatz – eine einladung".

Am Tage, da ich den Entschluss fasse, das Projekt im Rathaus vorzutragen, beginnen auf dem Postplatz Bauarbeiten. Ich erkundige mich und erfahre: Es wird genau die Situation geschaffen, die ich für mein Projekt brauche. Es ist wie im Märchen ...

Nach einem ersten ermutigenden Gespräch im Rathaus im Frühjahr 2005 treffe ich mich zweimal mit dem Leiter des Dresdner Stadtplanungsamtes. Auch hier, nach erstem Zögern, Aufgeschlossenheit, gemeinsames "Spinnen" über die Möglichkeiten des Projekts. Ich "bastle" ein erstes kleines Modell, stelle es in das Modell des Postplatzes.


Die Gebäude

Die Kaffeekanne ist vier Etagen hoch (ca. 14 m). Sie hat zentral Lift und Treppenhaus. Im 1. OG finden sich mehrere kleine Läden. Im 2. und 3. OG befindet sich ein Café. Die Tische im 3. OG befinden sich auf einem Kreisring, welcher sich langsam im Uhrzeigersinn dreht.

Die Kuchenplatte ist etwa 8 m breit und 20 m lang, sie erhebt sich etwa einen Meter über den Platz. Zum Platz hin führt eine über die gesamte Längsseite gehende Treppe. An Sommerabenden kann hier eine kleine Kapelle zum Tanz aufspielen, sie kann als „Atelier“ für Maler dienen, im Winter können Kinder Schlittschuh laufen. Ein Areal der besonderen Dinge. Unter der Kuchenplatte (halb in der Erde) befindet sich das Restaurant „Souterrain“. Es ist tagsüber Milch- und Eisbar, in den Abendstunden verwandelt es sich vor den Augen der Gäste in eine Nacht- und Tanzbar.

Die Tassen sind zwei Etagen hoch. Da sie auf dem Platz selbst schlecht unterkommen, könnten sie in das Gebäude integriert werden, welches aus der Freiberger/Schweriner Straße auf den Postplatz reichen soll.

Die Käseglocke = Zuckerdose lädt nebst umgebendem Bereich Kinder zum Spielen ein. Mit großen Zuckerstücken kann gebaut und geklettert werden.

Alle Gebäude sind weiß, eventuell leicht getönt (sektfarben). Die Fenster an Kanne, Tassen und Kuchenplatte bilden für die Objekte Ornamente. Vor dem Eingang der Kanne befindet sich ein vollständig aus farblosem Glas bestehender Eingangsbereich. Zusätzliche Elemente auf dem Platz sind Sitzgelegenheiten, die wie Eierscheckestücke aussehen.


Die Philosophie

Der Postplatz: ein heiterer Platz, ein Platz des Verweilens und Begegnens. Ein weiter Platz, du kannst wählen, wohin du gehst, du kannst wählen, wo du verweilst.

Ringsherum fahren die Autos, die Straßenbahnen. Die auf dem Platz lassen sich von ihnen nicht stören. Aber die, die herumfahren, sind besorgt, sie könnten die auf dem Platz stören. Am liebsten aber stiegen sie aus und gingen mit zu ihnen.

Was da auf dem Platze steht, lädt ein. Es lädt ein in doppeltem Sinne: Weil man hineingehen und dort sein kann, verweilen, erleben. Und weil das, was sich auf dem Platze befindet, seiner originalen Funktion nach für eine Einladung steht.

Wer hierher kommt und die Kanne sieht, muss lächeln. Eine Kanne – das hat sonst keiner.


Geschehen

Der Platz als Ganzes entwickelt einen eigenständigen Reiz, welcher zum Besuch und zum Verweilen einlädt. Neben den beiden gastronomischen Einrichtungen, den Läden in der Kanne, dem Spielort Zuckerdose usw. erhält der Platz seinen Wert als Ort der Begegnung mit anderen, sowohl Dresdnern als auch Gästen der Stadt.

Auf dem Platz können Veranstaltungen stattfinden, für manche kann sich eine Tradition entwickeln. Alljährlich könnten stattfinden das "Dresdner Eierscheckefest", der "Dresdner Stollenanschnitt", die "Keksfete" für Kinder und die "Dresdner Tortenschlacht", ein Wettbewerb um die verrückteste Dresdner Torte.

Darüber hinaus könnte der Platz zum Ausgangspunkt einer Wiederbelebung der Kaffeehauskultur in Dresden werden, welche sich in den neu zu errichtenden Gebäuden westlich des Postplatzes etablieren könnte.


Was draus wurde

Von vielen Menschen erhielt ich für mein Projekt Zustimmung, Ermunterung und Unterstützung. Am 17.01.2007 stellte ich das Projekt vor der "Kunstkommission der Stadt Dresden" vor. Im Beschluss des Gremiums zu meinem Projekt heißt es:

"Der Vorschlag wird dem Anspruch, den die Kunstkommission an einen künstlerischen Entwurf stellt, nicht gerecht. ... Das vorgeschlagene Ensemble und seine Gebäudeteile bieten weder eine konsequente formale Lösung, noch tragen sie inhaltlich zu einer Thematisierung und Aktivierung der Diskussionen zu aktuellen städtischen Perspektiven im Verständnis zeitgenössischer Kunst bei. Indem das Ensemble eigenständig und ohne räumliche Beziehungen innerhalb des Platzes gedacht ist, wird beispielsweise keinerlei Bezug zum unmittelbaren Umfeld und seinen realen Bedingungen und Funktionen genommen."

Das Projekt könnte auch jetzt noch den Postplatz, das Herz Dresdens, bereichern.