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aus: "Die Tage die Nächte die Jahre"


Vers I

Wissen, glauben, fühlen.
Einer sagt, er sieht.
Vögel zieh´n am Himmel.
Jemand singt ein Lied.

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Löwe und Löwin

Begegnet der Löwe der Löwin.
Legt zur Seite sich ihr.
Schreit in der Nacht. Brüllt seine Liebe.
Der Löwe. Das göttliche Tier.

Legt sich zur Löwin der Löwe.
Alles besiegend, was bös.
Der Löwe, die Löwin. Göttliche Liebe.
Unendliche Ruh´ im Getös.

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Irrtum

Wenn ein falscher Traum zerbricht,
gibt es Bitterkeit.
Erweist als Schatten sich das Licht.
Kehrt sich um die Zeit.

Jahrealtes steigt herauf,
Neues pflügt sich um.
Und der Mund, der laut gelacht,
wird auf einmal stumm.

Und der Tränenstrom bricht los.
Und da glättet sich die Haut.
Und wer guten Mutes war,
hat wieder aufgeschaut.

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Eine wilde Ziege

Eine wilde Ziege
hastet durch bröckelndes Gras.
Auch sie bestahl man der Liebe,
sie,
die unschuldig saß

einst in lebendigem Grün.
Doch nicht nur dies –
auch der Traum noch vom Blüh´n,
vom Wiedererstehen des Grases
ward aus ihrer Seele gerissen.
Ach –
nur eine irre Ziege!

Wir wissen schon,
was wir vermissen.

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Sagt man

Nichts geschieht.
Regen.
Der Abend kommt.
Der Tag geht,
sagt man.

Ich sitze da, schreibe.
Regen, Regen,
es dunkelt langsam,
der Abend kommt,
sagt man.

So sitze ich also,
Regen fällt
und der Abend kommt.
Das ist das Leben,
sagt man.

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Erinnerung

Erinnerung – zerschlissenes Tuch,
ausgelesenes, fleddriges Buch.
Ermüdet und traurig,
bald lächelnd, bald schaurig.
Gerufen, gebeten, voll Inbrunst beschworen
als grauen Daseins hilfreicher Dung:
Erinnerung
Erinnerung

Behütet durch die Jahre gezogen,
in manchem Winde beinah verflogen,
schon angegilbt, schon eingerissen
von Sonne und Finger und Nacht unterm Kissen.
Und zärtlich stets wieder aufgehoben,
für fremden Blick nicht und Zung´:
Erinnerung
Erinnerung

So viele Jahre im Tiefen verschlossen,
heimlich geküsst und beweint und genossen.
Ins Licht gehalten, ans Feuer,
gefleht: Bleib bei mir, sei treuer
als alles sonst auf der Welt.
Doch die Erinnerung schreit:
Wirklichkeit!
Wirklichkeit!

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Vergeblichkeit

Das Wasser war zu tief.
Der Graben war zu breit.
Die Brücke war zu schief.
Die Wege war´n zu weit.

Die Tage war´n zu hell.
Die Nächte war´n zu kühl.
Die Worte war´n zu schnell.
Der Worte war´n ´s zu viel.

Die Finger war´n zu spröd.
Die Lippen war´n zu leer.
Der Himmel war zu öd.
Die Dinge war´n zu schwer.

Die Sterne war´n zu klein.
Es hat nicht sollen sein.

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Ach, mein Gott

Ach, mein Gott – wie wir alle darben.
Es reißt das Herz in kleine rote Stücke.
Und wo – die Besten gleich zuerst – sie alle starben,
da bleibt auch nicht die allerkleinste Lücke.

So kann es denn wohl sein: Dies ist das Leben.
Und was an mehr wir hofften war der Hoffnung Trug.
Und der Geheime, stolz, dem grad die Glocke schlug,
konnt´ uns sein Zaubersteinchen nicht mehr geben.

So fahren wir enttäuscht zum weiten Tor hinaus
und auf den schönen Tunnel zu,
der keinen Ausgang hat.

Irgendeiner schließt noch ab das Haus,
macht eilig noch die Hühnerklappe zu.
Ein andrer, in der Kutsche, lächelt matt.

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Minimale Ode

Als dir
die Tränen übers Gesicht rannen,
wie schön warst du da.
Denn zwischen
dem Weinen
und dem Nichtweinen
schautest
du mich an.

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In der Dunkelheit
erscheint die Fee der Nacht.
Sie erzählt dir alle Geheimnisse,
die sie kennt,
und das sind alle,
die es nur gibt.
Zum Schluss küsst sie dich
und lässt dich allein
mit dem Leben.

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Kaum ein wenig Amsterdam

Etwas wie ein Tod
etwas wie ein Vergessen

über die Brücke kommt ein Wanderer
fast ein wenig tot
fast ein wenig vergessen

Lass uns zahlen.

Etwas wie ein Tod,
etwas wie ein Vergessen.
Über die Brücke
kommt niemand.

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Stille

Stille geht der Tag zur Neige,
stille ruht der Abendschein.
Stille geh´n wir miteinander
in die stille Nacht hinein.

Stille wird es rings auf Erden,
stille wird es auch in mir.
Stille wird ´s in meiner Seele.
Denn ich ruhe still bei dir.

Stille, Stille, alles stille.
Still bist du und still bin ich.
Stille ist. Es ist so stille.
Wir sind still. Ich liebe dich.


aus: "Die Tage die Nächte die Jahre"

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