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aus: "Das Helle und das Dunkle"


Jenseits der Gedanken

Jenseits der Gedanken,
die wir dachten und erschufen,
die wir errichteten,
schichteten,
aufbauten
und verkeilten
zu wundersamen,
unsinnigen Gebäuden,
welche wir bevölkern
und wo wir ein- und ausgehen,
jenseits all dieser Dinge
schläft
scharrt
schnauft
stöhnt
schreit
leidet
meidet
weint
greint
wartet
das Leben

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Schatten

Die im Schatten
die vielen
die meinen
sie stünden im Licht
all die vielen

All die vielen, all
die da stehen im Schatten
hören dass
sie stünden im Licht
von jenen
die
werfen die Schatten

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Lagerfeuer

So sitzen sie:
Hand in Hand
Kopf an Schulter
Knie an Knie

So sitzen sie
aneinandergehuschelt
wie in tiefstem Winter

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Am Abend

Am Abend
in der Nacht
erwacht
unschlafend
in der Dunkelheit Armen
voller Liebe
ohne Erbarmen
die Augen offen
der Blick nach innen
tastende Hände
auf zärtlichem Linnen

Am Abend in der Nacht
unschlafend und erwacht
zu jeglicher Zeit
zu jeglicher Stunde
allhier
und alldorten
in Menschenrunde
und allein

Auf Erden zu sein

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Wer

Goethe sagte es.
Oder nicht?
War es
Casanova?
Oder Fellini?
Oder war es Shakespeare?
Shakespeare war es.
Oder jemand quasi Unbekanntes.
Ein alter Inder.
Chinese.
Japaner.
Oder ein über die Maßen begehrter
Psychotherapeut?
War es
der Vater eines Sohnes?
Oder der Sohn
selbst?
Oder die Tochter?
Eine Nonne.
Eine in eingeweihten Kreisen
sattsam bekannte Nonne.
Mein Gott –
irgendeiner
muss es doch gesagt haben!

„Ein Tag ohne Kuss
ist ein verlorener Tag.“

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Anspruch

Kopfüber
vom Zehner

bei Nacht

drunten
kein Wasser

das Becken
ohne Boden

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Truck

Der Truck
fährt durch die Nacht.
Er ist vollgeladen
bis obenhin.
Fracht.
Aber der Fahrer
kennt sie nicht.
Er weiß nichts.
Er ist blind.

Der Truck
rollt durch die Nacht.

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Du hast

Du hast ihn
hochkant durch die Türe bugsiert
und dann
längs aufgestellt
Und nun
freust du dich
wie Bolle
dass alles
so ist, wie du es wolltest
auch
wenn
du
fix und fertig bist
und der Schrank
nicht dort steht
wo er stehen sollte

und du
nicht bemerkst
dass es
gar nicht
der Schrank ist, den du wolltest
und außerdem
der falsche Raum
abgesehen davon
dass dies
nicht deine Wohnung ist

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Album

Sie schaute die Fotos an.
„Mein Gott“,
dachte der eine Teil von ihr,
„wo ich schon überall gewesen bin.“
„Mein Gott“,
dachte der andere Teil,
„was mir schon alles widerfahren ist.“

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Zählung

Es mochten
zehn oder zwanzig
gewesen sein
oder vierzig
oder hundert

oder tausend
oder zwölf Millionen

Aber wovon?

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Gänsel und Fredel

Gänsel und Fredel wohnten mit ihren Eltern im Wald. Und sie waren arm, also genauer gesagt die Eltern. Also genauer gesagt, waren die Eltern nicht so arm, die waren gar nicht arm, aber die fraßen alles selber auf, und so blieb für Gänsel und Fredel nicht viel, im Grunde genommen gar nichts, und so waren die arm. Also arm dran.

Gänsel und Fredel hatten auch keine Freunde. Das ging auch gar nicht, weil dort, wo Gänsel und Fredel bzw. deren Eltern wohnten, gar keiner sonst wohnte. So spielten Gänsel und Fredel immer mit Ameisen und der dreibeinigen Kröte.

Eines Tages sagten die Eltern zu Gänsel und Fredel: „Kinder, wir müssen in den Wald gehen, Holz holen. Kommt.“ Und Gänsel und Fredel gingen mit den Eltern los.

Weil aber die Eltern auf Grund ihrer Situation die Übersicht verloren hatten, also generell, verliefen sie sich und fanden nicht mehr heraus. Die Kinder aber fanden heraus und liefen rasch nach Hause. Dort fraßen sie alles auf und so weiter, wie sie es gesehen und gelernt hatten, und lebten glücklich bis an ihr Ende. Sie hatten übrigens auch viele Kinder, also mehrere, zwei, und die waren dann arm dran. Sehr arm.

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Der Trick

Der Zauberer
lächelt
schnippt mit dem Finger
verbeugt sich
und geht.

Die Leute
sind verblüfft.
Sie warten
staunen
sind verunsichert
irritiert
dann
werden sie zornig
und erbost
verlassen sie den Saal.
Als
der Letzte die Tür schließt,
geschieht das Wunder.


aus: "Das Helle und das Dunkle"

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